Das Jahr 2002 war für Hobbystrategen wohl eines der unterhaltsamsten überhaupt. Kaum erschien WarCraft 3, stapften Orcs über die heimischen Schlachtfelder und kämpften gegen Untote. Mit Freunden per LAN oder im Netz bereitete das einen Riesenspaß.
WarCraft 3 legte die Strategie-Messlatte mit einem perfekt ausbalancierten Multiplayer-Modus und einem spannenden Singleplayer-Modus sehr hoch. Age of Mythology aus dem Hause Ensemble Studios will Blizzards Meisterwerk vom Thron stürzen. Ob es dem inoffiziellen Age of Empires 2-Nachfolger gelingt, könnt ihr hier nachlesen.
Im Westen nichts neues
Auf den ersten Blick ähnelt Age of Mythology stark Age of Empires 2. Kaum Änderungen beim Interface, das altbewährte Spielprinzip des Rohstoffsammelns, Basisbauens und Kämpfens wurde beibehalten. Holz gibt’s durch das Fällen von Bäumen, Nahrung durch Farmen oder Tiere, Gold durch das Goldschürfen und Militär wird in Kasernen rekrutiert. Auf den zweiten Blick sieht man jedoch die (namensgebenden) Veränderungen. Die Mythologie. Denn nun betreten neben Schwertkämpfern und Kriegselefanten auch mythische Einheiten das Schlachtfeld. Wenn Medusen Gegner versteinern und ZyklMenschen durch die Luft werfen, macht das Spiel besonders viel Spaß. Diesen Mix aus mythischen Einheiten, göttlichen Zaubern und normalen Kriegern hat Ensemble Studios besonders gut hinbekommen. Denn egal wie stark die Mythenmonster sind, eine Kontereinheit gibt es immer. Empire Earth hat es vorgemacht, Age of Mythology führt das Stein-Schere-Papier-Prinzip fort. Helden wie Herakles plätten mythische Einheiten mit Leichtigkeit und Speerkämpfer haben Vorteile gegenüber Kavallerie. In Age of Mythology gibt es insgesamt 3 Völker - Griechen, Wikinger und Ägypter. "Nur drei Völker?", werden sich jetzt die Age of Empires 2-Fans fragen. Diese Völker unterscheiden sich deutlicher voneinander, als das in AoE 2 der Fall war. Eine gewisse Ähnlichkeit zu WarCraft 3 lässt sich dabei nicht leugnen. Hat man nun ein Volk ausgewählt, muss man sich für einen von drei Hauptgöttern und deren Boni entscheiden. Wählt man z.B. die Ägypter und nimmt Isis als Hauptgöttin, so wird das Bevölkerungslimit für Dorfzentren erhöht und Weiterentwicklungen kosten weniger Geld. Des Weiteren schützen dann gebaute Monumente vor gegnerischen Zaubern. Jeder Gott hat eigene Boni oder bringt eine mythische Einheit mitsamt einigen Weiterentwicklungen mit. Wie auch der inoffizielle Vorgänger enthält Age of Mythology 4 Epochen. Jedes Zeitalter ermöglicht den Bau von neuen Gebäuden, Einheiten oder Technologien. Schreitet man in ein neues Zeitalter voran, muss man sich für einen von zwei Göttern entscheiden. Insgesamt gibt es bei Age of Mythology 9 Hauptgötter und 27 Nebengötter. Dies ermöglicht schier unendliche Taktikvariationen.
Eine weitere Veränderung hat man bei dem Bevölkerungslimit vorgenommen. Jedes Volk kann bis zu 10 Häuser bauen, um das Bevölkerungslimit zu erhöhen. Dann muss man weitere Dorfzentren bauen. Das ist leichter gesagt, als getan, denn nun kann man Dorfzentren nur noch auf die dafür vorgesehenen Siedlungen bauen.
Neben den üblichen Rohstoffen Nahrung, Holz und Gold ist nun die sogenannte Gunst dazugekommen. Diese "Götterwährung" dient dazu, mythische Einheiten im Tempel herbeizurufen und von Göttern gewährte Weiterentwicklungen zu erforschen.
| | Ein nordischer Trupp kämpft gegen Riesen |
Die Griechen
Die Griechen eignen sich vor allem für Anfänger und Kenner der Age of Empires-Reihe. Arbeiter bauen Gebäude und sammeln Nahrung, Holz und Gold. Gunst erlangen die Griechen, indem ihre Arbeiter im Tempel beten. Je mehr Arbeiter, desto schneller steigt die Gunst. Griechische Militäreinheiten sind die stärksten des Spiels. Für die Produktion von Infanterie, Kavallerie und Fernkämpfern benötigt man jeweils eine eigene Kaserne. Die griechischen Mythenmonster sind allgemein bekannt. Neben Pegasi, Medusen und Hydren setzen Minotauren und Zykldem Gegner zu. Zu Beginn einer Partie muss man sich für einen Obergott entscheiden. Bei den Griechen sind dies Zeus, Poseidon und Hades. Untergötter sind zum Beispiel Aphrodite, Artemis oder Dionysos. Die Hellenen können z.B. Erdbeben und Unterwelt-Tore herbeirufen. Erdbeben zerstören in wenigen Sekunden eine ganze Siedlung und Unterwelt-Tore transportieren Einheiten von einem Punkt zu dem anderen. Das ist vor allem gegen Spieler nützlich, die sich in ihrer Basis eingemauert haben.
Die Wikinger
Die Nordmänner spielen sich komplett anders. Sie verfügen nicht nur über Arbeiter sondern auch über Zwerge. Letztere bauen besonders schnell Gold ab. Die Wikinger benötigen keine Außenposten, um Rohstoffe dort abzuladen. Dies erledigen Ochsenkarren. Ihr Vorteil besteht darin, dass sie mobil sind. Beim Holzabbau ist das ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Um die Laufwege möglichst gering zu halten, fahren die Ochsenkarren einfach näher an den Wald heran. Andere Völker müssen erst einen neuen Außenposten errichten. Die nordischen Arbeiter können nur Felder anlegen und Rohstoffe sammeln. Bauaufgaben erledigt die nordische Infanterie - eine weitere Besonderheit. Dies dürfte das Volk besonders für Rush-Taktiken prädestinieren. Landet man auf einer Insel oder passiert gerade einen Engpaß, kann man so leicht einen Brückenkopf errichten. Nordische Infanterie ist zwar sehr schnell, aber nicht sehr gut im Angriff. Im Langhaus werden alle militärischen Einheiten der Wikinger produziert. Um ihre Götter milde zu stimmen, müssen die Nordmänner kämpfen. Nur durch Scharmützel gewinnen sie an Gunst. Der Hersir, ein Held, erzeugt während einem Kampf besonders viel Gunst. Odin, Thor und Loki sind die obersten "Drei", Freyja, Hel oder Heimdall Untergötter. Die mythischen Einheiten der Wikinger könnten aus dem Werk von J.R.R. Tolkien stammen. Riesen, Wolfsrudel oder Trolle sind den Nordmännern vorbehalten. Sie verfügen über besonders mächtige göttliche Zauber. Sie können z.B. Nidhöggr, einen riesigen Drachen, herbeirufen und einem Wald Leben einhauchen. Letzteres ist besonders effektiv, wenn man es auf den Wald richtet, in dessen Nähe die gegnerischen Arbeiter gerade Holz abbauen. Dort hat der Gegner meist keine Verteidiger stationiert. Bevor er die lebende Vegetation entdeckt, ist so schon ein großer Teil der Gebäude vernichtet.
| | Im Laufe des Spiels muss man auch ein paar Mal durch die Unterwelt |
Die Ägypter
Last but not least - die Ägypter. Woran denkt man zuerst, wenn man an Ägypten denkt? An Pyramiden und Pharaos. OK, Pyramiden seht ihr erst spät im Spiel, Pharaos sind aber ein wichtiger Bestandteil der ägyptischen Wirtschaft. Sie können Gebäude verzaubern. Dadurch erhöht sich die Produktions-, Sammel, oder Erforschungsgeschwindigkeit des Gebäudes. In einer ägyptischen Siedlung dürfen maximal zwei Pharaos zu Gange sein. Manche Gebäude kosten die Ägypter nicht einen Cent, ähm, Dinar. Das hat jedoch einen Haken. Diese Gebäude werden langsam gebaut und große Bauwerke sind extrem teuer. Die Ägypter sind, im Gegensatz zu den Nordmännern, ein defensives Volk. Sie dürfen ihre Verteidigungsanlagen in drei Stufen aufrüsten. Aus Palisaden werden so mächtige Zitadellenwälle und aus Beobachtungstürmchen große Wachtürme. Die Ägypter erhalten Gunst, wie soll es auch anders sein, durch den Bau von Monumenten. Die drei Obergötter sind Re, Isis und Seth. Anubis, Horus oder Osiris sind Untergötter. Neben Mumien und Skarabäen sind Petsuchos eine starke mythologische Einheit. Das sind Krokodile, die das Sonnenlicht bündeln, und über weite Strecken auf den Gegner werfen können. Die Nilbewohner verfügen über die wohl zerstörerischsten Zauber. | Heuschreckenplagen verwandeln die gegnerischen Felder in Wüsten, Meteoritenschauer lassen keinen Stein mehr auf dem anderen und Osiris verleiht dem Spieler die Möglichkeit, den Pharao in ein gottähnliches Wesen umzuwandeln, das Blitze schleudert. Ägyptische Helden gibt es nicht. Priester sind das ägyptische Pendant zu den Helden der anderen Kulturen. Sie kämpfen nicht gerade gut, heilen jedoch die eigenen Mannen nach Kämpfen. Die Griechen müssen diese Fertigkeit erst erforschen und die Wikinger müssen dafür einen heilenden Brunnen bauen.
| | Jede Karte erfordert eine eigene Taktik und Vorgehensweise |
Allein daheim
Die Einzelspielerkampagne erzählt von Arkantos, einem atlantischen Helden und Gargarensis, einem Zykl der mit Hilfe eines Gottes die Welt beherrschen will. Im Laufe von 32 Missionen erlebt Arkantos so zahlreiche Abenteuer und folgt dem Zyklop auf Schritt und Tritt. Zuerst treibt Gargarensis in Griechenland zur Zeit der Trojanischen Kriege sein Unwesen, dann reist er nach Ägypten und stiftet dort Unruhe. Im letzten Teil der Kampagne, geht’s in die nordischen Berge und in die Unterwelt... Zwischen den Missionen treiben exzellente Zwischensequenzen in Spielgrafik die Handlung weiter. Leider wurde nur das Intro gerendert. Kinoreife Renderszenen wie bei WarCraft 3 fehlen. Die Handlung kann sich nicht mit der von WarCraft 3 messen und Zusatzaufgaben fehlen auch. Jedoch besticht der Einzelspielermodus durch sehr abwechslungsreiche Missionen. Stupide "Zerstöre alles"-Aufgaben trifft man nur sehr selten an. In vier Schwierigkeitsstufen lässt sich die Welt der Mythen erkunden. Der Schwierigkeitsgrad "normal" ist in vielen Missionen zu leicht geraten. Spielt man jedoch auf der höchsten Schwierigkeitsstufe "Titan", sollte man schon acht Arme haben und alle Tastaturkürzel auswendig kennen, um eine Chance gegen die KI zu haben. Ein Gefechtmodus ist natürlich dieses Mal auch wieder enthalten. Vorher kann man Startgottheit und Teamzugehörigkeit der KI-Spieler festlegen. Leider fehlt hier eine Schwierigkeitsabstufung. Lediglich deren Spielweise kann man einstellen. Von "Wirtschaftsexpansion" bis "aggressiver Draufgänger" reicht dabei die Palette. Anhand eines Tutorials lernt man die Neuerungen und das Spielprinzip kennen.
| | In Ägypten gilt es, Teile von Osiris wiederzufinden... |
Ein Held sollst du sein
Leider sind die Helden nicht so sympathisch wie in WarCraft 3. In Age of Mythology sind sie nur selten kampfentscheidend. Immerhin dürfen sie als einzige Einheit Artefakte tragen. Im Vergleich zum Vorgänger haben diese deutlich an Bedeutung gewonnen. Früher lieferten sie nur einen konstanten Goldstrom. Bei Age of Mythology besitzen Artefakte magische Kräfte, die sie entfalten, wenn sie in Tempeln aufbewahrt werden. Dann verstärken sie z.B. Mauern oder senken den Preis für Kavallerie.
Die Königsdisziplin - Der Multiplayer
Im Multiplayermodus gibt es dieselben Spielarten wie im normalen Gefecht. Neben Eroberung (Alle Gegner vernichten) und Vorherrschaft (Weltwunderbau) gibt es auch noch das altbekannte Auf Leben und Tod (Alle Spieler starten mit hohen Ressourcen) und Blitzpartie. Letzteres wird mit hoher Geschwindigkeit gespielt. Dank dem Stein-Schere-Papier-Prinzip gibt es keine großen Balancing-Probleme. Neben Zufallskarten werden auch noch erstellte Karten mitgeliefert. Oft braucht man für jede Karte eine eigene Taktik. Spiel man z.B. die Karte "King of the Hill", so muss man versuchen, mit seiner Armee einen Hügel so lange wie möglich zu besetzen. Auf einer anderen Karte starten die Spieler auf einer Insel mit wenigen Ressourcen. Auf der Hauptinsel in der Mitte befinden sich üppige Rohstoffvorkommen. Dadurch entbrennt früher oder später ein erbitterter Kampf auf der Hauptinsel. Man kann online entweder über IP gegeneinander antreten oder den ESO-Service, Ensemble-Studios Online-Service dem Pendant zu Blizzards Battle.net, nutzen. Spiel man über ESO gegeneinander, so ermöglicht ein neues Auswahlsystem, dass faire Spielkonstellationen entstehen. Dadurch wird verhindert, dass neue, unerfahrene Spieler nicht gleich gegen Profis antreten müssen. Ähnlich dem Battle.net gibt’s bei ESO auch bewertete Spiele und unbewertete Spiele. Gerade die große Taktikvielfalt wird Age of Mythology sicherlich einen Platz im Regal eines jeden Online-Spielers bescheren. Profis reiben sich jetzt schon die Hände, wenn sie neue Taktiken austüfteln können.
| | ...und ihn schließlich wiederzuerwecken |
Die Präsentation
Wer wollte nicht schon einmal ganz nah in die Schlachten der Mythen eingreifen. Die Age of Mythology Engine lässt dies zu. Per Mausrad kann man die Gefechtskarte drehen. Damit dabei nicht die Übersicht verloren geht, dreht sich die Karte gleich mit. Mit + und - auf dem NumPad kann man an das Geschehen heranzoomen. Die Texturen sehen dabei trotzdem nicht pixelig aus. Alles in Allem ist dies aber nur ein nettes Gimmick. Wirklichen Nutzen hat der Zoom nicht.
Die Grafik von Age of Mythology ist einfach unschlagbar. Wenn sich die Wellen an der Küste wunderschön animiert brechen und mein Meteoritenschauer die gegnerische Basis effektvoll in Schutt und Asche legt, vernachlässigt man schonmal die Wirtschaft und die Armee. Obwohl Ensemble Studios manche Sounds von Age of Empires 2 übernommen hat, ist die Soundkulisse in Age of Mythology wirklich erstklassig. Jedes Volk besitzt andere, zu ihm passende Sounds und Hintergrundmusikstücke. Ägyptisches Kauderwelsch und griechische Schlachtrufe fügen sich perfekt in die Umgebung ein.
Bei einer derart effektvollen Grafik sollte man meinen, dass Age of Mythology einen starken Computer braucht, um ruckelfrei zu laufen. Hier muss man Ensemble Studios ein großes Lob aussprechen. Auf unserem Testrechner mit einer 1 GHz CPU, 256 MB RAM und GeForce 2 GTS geriet das Spiel in einer Auflösung von 1024x768 selbst bei größeren Schlachten nicht ins Stocken. Entsprechend viel RAM vorausgesetzt, läuft das Spiel auch auf einer 600 MHz CPU flüssig.
| | Zwischensequenzen in Spielgrafik treiben die Handlung fort |
Was sonst noch enthalten ist
Age of Mythology kommt in einer DVD-Packung. Neben 2 CDs enthält diese auch ein 30-seitiges farbiges Handbuch sowie ein Technologiebaum im A3-Format. Letzterer listet sowohl die Technologien auf, als auch die Götter, deren Untergötter, Zaubersprüche und mythische Einheiten. Wer sich nicht nur spielerisch mit den Mythen alter Völker befassen will, sondern auch Geschichten nachlesen will, kann sich bei Age of Mythology ein umfangreiches Lexikon anzeigen lassen. Wer selber gerne Kampagnen oder Multiplayer-Karten kreiert, ist mit Age of Mythology gut bedient. Die Bedienung des Editors ist gewöhnungsbedürftig. Hat man sich jedoch erst einmal ein wenig eingearbeitet, besitzt man ein mächtiges Tool um weitere mythische Abenteuer zu bauen. Im normalen Schwierigkeitsgrad braucht ein Durchschnittsspieler etwa 50 Stunden, um Gargarensis den Garaus zu machen. Der Multiplayermodus fesselt mindestens genauso lange vor dem Bildschirm.
Um diesen lagfrei zu genießen, sollte man sich allerdings per Auto-Updater den neuesten Patch herunterladen.
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