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 Die Wut dein Freund?
19. Januar 2004 | 18:20 | Meinung

   

Seitdem sich Computer- und Videospiele vom Pixelbrei und Quietschsound verabschiedet haben und sich unaufhaltsam in Richtung Realismus weiterentwickeln, wird unser aller geheiligtes Hobby mit Vorurteilen überschüttet: Zocken macht dumm, hässlich, fett, einsam, gewaltbereit und aggressiv. Viele dieser Vorurteile wurden auch schon bei nicht gesellschaftlich anerkannter Musik angehaftet, wie beispielsweise früher dieses bei Heavy Metal der Fall war. Einige dieser Vorurteile wurden widerlegt, andere kann man nicht exakt nachweisen oder sind eine Frage der Persönlichkeit und des Umgangs mit der Software. Ein Vorurteil sehe ich aber bei bestimmten Genres bestätigt. Und zwar Aggressionen.
Man darf Aggression nicht mit Gewalt oder die Bereitschaft zur Gewalt verwechseln. Aggressionen sind natürliche Emotionen, welcher jeder von uns kennt und auch schon gehabt hat. Ich würde das Thema Aggressionen bei Spielen nicht nur auf Computer- und Videospiele beschränken. Jeder der mal ernsthaft Tennis gespielt hat oder einem sonstigen Wettbewerbssport treibt, weiß wovon ich rede. Da fliegt nach einer Serie von Niederlagen schon mal ein Schläger gegen die Wand, dicht gefolgt von bösartigen Flüchen, aber beides verpufft in der Regel genau so fix, wie es eintraf. Bei Computer- und Videospielen ist es da ähnlich, nur auf einem anderen Terrain, dem virtuellen nämlich. Es sind meiner Meinung nach nicht unbedingt gewaltdarstellende Spiele, die Aggressionen erwecken. Die Fassade ist oft viel scheinheiliger. Ein Spiel mit einem enormen Aggressionsfaktor ist Mario Kart. Richtig. Das Spiel mit den Knuddelfiguren und den kugelrunden riesigen Augen, welche alle Kinder auf Anhieb gern haben. Es ist nicht der Duke oder der Max Payne, der den Blutdruck steigen und die Adern an den Schläfen anschwellen lässt. Es ist der putzige Yoshi, der mich höhnisch angrinst, nachdem er mich mit einem roten Panzer in den Dreck abseits der Piste geschossen hatte oder der große Gorilla Donkey Kong, welcher mir eine Banane direkt zwischen die Augen wirft und mein Kart in den Abgrund reißt. All dies hat mich nahezu in den Wahnsinn gerissen und durchaus dazu inspiriert neue kreative Schimpfwörter zu schaffen. „Schei&blume! Verp%ss dich“ oder „Mario, ich hasse dich abgrundtief“ sind da noch harmlose Hasstiraden gegen virtuelle Wesen, die es ja im Prinzip nicht gibt. Bei solch nicht gerade leise ausgesprochenen Kommentaren fällt es mir schwer den Nachbarn klarzumachen, wirklich nicht drogenabhängig zu sein. Ein Gegenbeispiel ist das Beat´em up Virtua Fighter. Dabei ist ein Kumpel nach seiner 25. Niederlage in Folge auf allen Vieren mit dem Kopf gegen seine Zimmerheizung gekrabbelt. So ziemliche jeder Zocker ist diesbezüglich vorbelastet. Ich muss auch gestehen, das eine oder andere hässliche Wort im Chat verloren zu haben, während ich Starcraft online im Battle Net zockte. Im Kindesalter, um ein weiteres Beispiel zu nennen, habe ich meinem älteren Bruder nach einer Niederlage Pong auf dem alten Atari 2600 auch mal eins auf die Schulter verpasst, nur um festzustellen, dass er nicht nur älter, sondern leider auch stärker als ich war. Man lernt eben früh Agressionen auf anderem Wege abzubauen...
Spiele mit einem Wettbewerbscharakter bürgen einen potentiellen Pool für Agressionen. Aber warum reagiert man auf derart unwichtiges so heftig? Auf ein harmloses Spiel, wobei es um nichts außer spaß geht? Es liegt eben in der Natur des Menschen, dass sobald er Ehrgeiz entwickelt, auch sein Gemüt und Stolz empfindlicher werden. Egal ob Sport, Beruf oder Spiel. Nur gibt es viele Arten und Wege diese wieder abzubauen.
Wer seiner Wut physisch freien Lauf lässt (Schläger gegen die Wand, Kissen verkloppen, Wutschreie etc.) ohne dabei anderen zu Schaden zuzufügen oder zu stören, hat gut gelernt damit umzugehen. Andere wiederum schreiben ihre Wut in einem Tagebuch nieder um sie so loszuwerden oder treiben Sport. Andere Vertreter kennen leider nur den Weg durch Gewalt.
Und genau dort liegt der Knackpunkt. Es ist nicht schlimm, nach einer Niederlage oder schlechten Tag aggressiv zu sein. Es ist eine absolut natürliche Reaktion, sofern man es schafft diesen Druck schnell abzubauen ohne dabei nachtragend zu sein. Es ist also auch in diesem Punkt wieder eine Frage der Persönlichkeit und dem Umgang mit den Komponenten, welche Agressionen verursachen können. Ich für meinen Teil jedenfalls nutze oft die Option mein Kissen derbe zu verprügeln oder rumzupöbeln. Ab und zu hilft auch harte Musik. Am besten klappt es aber wenn man alles gleichzeitig macht. Wer noch andere Methoden der Wutaustreibung kennt, darf diese natürlich gerne in unser Forum posten.


Christian Tembrink
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