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 Archangel
16. Oktober 2002 | 21:53 | Review
Wer hat das nicht schonmal durchgemacht? Man fährt eines Abends auf der Landstraße und kollidiert unverhofft mit einem LKW. Nachdem man aus der Bewusstlosigkeit in einem Kloster erwacht, stellt man nebenbei fest, dass man von einer Gottheit zum Erzengel bestimmt wurde. Dass die ganze Sache in einer anderen Zeitepoche stattfindet, versteht sich natürlich von selbst. Mit Hilfe eines magischen Schwertes soll man nun einen Feldzug gegen das Böse führen. Diese Alltäglichkeit geschah auch Michael Travinsky. Das wars dann auch schon mit dem Tiefgang der Story, die bei Archangel generell einen kleinen Stellenwert hat.

 Ein Beispiel für die einseitigen, schlecht gemachten Bodentexturen   Ein Beispiel für die einseitigen, schlecht gemachten Bodentexturen


Die Qual der Wahl

Nach den obligatorischen (nicht abbrechbaren) Firmenlogos befindet man sich im Hauptmenü. Zu Beginn fällt auf, dass Archangel leider keinen Multiplayermodus bietet. Ein richtiges Intro gibt’s ebenfalls nicht. Beginnt man nun ein neues Spiel, tritt Michael erstmal vor dem Herrn des Lichts und wird in seinen Auftrag eingewiesen. Er soll möglichst viele böse Monster töten. Dann darf man sich für eine von zwei übernatürlichen Fähigkeiten entscheiden. Als Erzengel kann man sich zeitweilig entweder in einen Geist oder Krieger verwandeln. Ersterer ist unsichtbar und kann Gegner aus der Ferne attackieren. Der Krieger ist dagegen besonders gut im Nahkampf, besitzt schlagkräftige Waffen und ist schwer gepanzert. Hat man sich einmal für eine Gestalt entschieden, kann man nur diese im gesamten Spiel nutzen. Diese Superfähigkeiten kann der Spieler aber nur solange aktivieren, wie geistige Energie vorhanden ist. Michael verfügt über zwei Energiearten. Die körperliche und die geistige Energie. Die körperliche Energie zeigt den Gesundheitszustand des Erzengels an. Geistige Energie ist das „Mana“ von Michael. Sie regeneriert sich automatisch, wenn sie nicht benutzt wird. Während dem Einsatz solcher Spezialfähigkeiten schrumpft der Energievorrat.

 Die Texturen und Lichteffekte von Innenräumen sehen ganz passabel aus   Die Texturen und Lichteffekte von Innenräumen sehen ganz passabel aus


Das Schaf im Wolfspelz

Das als Rollenspiel titulierte Archangel ist bei weitem keines. Rollenspiele zeichnen sich durch eine dichte Story und Handlungsfreiheit aus. Beides besitzt Archangel nicht. Stellenweise spielt es sich wie ein Hack & Slay-Spiel. Das einzige, das entfernt an ein Rollenspiel erinnert, sind das Erfahrungspunktesystem und der Charakteraufbau. Erfahrungspunkte werden bei Archangel Segenspunkte genannt. Je mehr Kreaturen Michael umknüppelt, desto mehr Segenspunkte bekommt er von seinem Gott. Diese kann man dann in weitere Spezialfähigkeiten oder deren Verbesserung stecken. So gibt es zum Beispiel Schutzschilde, Regeneration oder eben die oben erwähnte übernatürliche Gestalt. Frisch erworbene Fähigkeiten kann man im schlecht sortierten Inventar aktivieren. Egal ob Waffen, Zaubersprüche, Heiltränke oder Questgegenstände, dort liegen alle Gegenstände, die man aufgesammelt hat, kreuz und quer in der Gegend herum. Während man das Inventar aufruft, läuft das Spiel weiter und Michael ist bewegungsunfähig, weil man per Bewegungstasten durch das Inventar navigiert. Während eines Kampfs ist dies eine denkbar schlechte Situation. Eine nette Idee ist es zwar von Metropolis Software 10 Schnellsteckplätze zur Verfügung zu stellen, jedoch sind diese nur für Waffen vorgesehen.
Stärkere Monster und Zwischengegner lassen natürlich mehr Segenspunkte aufs Konto rieseln als schwächere Kreaturen. In Archangel reist man durch drei verschiedene Epochen und Schauplätze. Am Anfang metzelt sich der Held durch das Altertum, dann geht’s durch das futuristische Berlin, bis man endlich in der Unterwelt dem dunklen Herrscher den Garaus machen kann.

 Der Nintendo 64-Nebel zerstört die ganze Spielatmosphäre. Das Wasser ist ganz gut gelungen. Oben rechts sieht man das Inventar   Der Nintendo 64-Nebel zerstört die ganze Spielatmosphäre. Das Wasser ist ganz gut gelungen. Oben rechts sieht man das Inventar

Dementsprechend hat man es dann auch mit den, zur Epoche passenden, Gegnern zu tun. Und damit der Erzengel nicht mit einem Schwert auf mit Pumpguns bewaffnete Gegner losgehen muss, bekommt man das richtige Waffenarsenal gleich dazu spendiert. Von der Axt über das MG bis hin zum Energiekonzentrator ist alles dabei. Doch bis der Spieler vor dem Endgegner steht, muss er noch sehr viele Design-Schnitzer über sich ergehen lassen. So muss man z.B. in einer Höhle hinabsteigen um dort bestimmte Pflanzen zu pflücken. Hört sich leicht an? Ist es aber nicht. Die Höhle ist so spärlich ausgeleuchtet, dass man den höchsten Gammawert einschalten muss, um sich zurechtzufinden. Apropos zurechtfinden: Die Entwickler haben gänzlich auf eine Karte verzichtet. Deshalb irrt man dann stundenlang durch die schlecht beleuchtete Höhle, um festzustellen, dass man die ganze Zeit im Kreis gelaufen ist.
Das Missionsdesign ist nicht gerade gut gelöst worden. Oft bekommt der Spieler Quests, die einen wieder zurück zum Levelanfang schicken. Quer durch die Gebiete, welche man sich gerade freigekämpft hat. Wegen der fehlenden Automap ist gelegentliches Umherirren nicht ausgeschlossen. Die Questbeschreibungen hätten auch ausführlicher sein können. So bekommt man zwar ausführlich erklärt, was man zu suchen oder wen man zu töten hat, aber nicht wo sich das Ziel aufhält.
Michael ist zwar „nur“ ein Erzengel, kann aber trotzdem nicht schwimmen. Nur in seltenen Fällen kann man sich durch Sprünge aus dem kühlen Nass retten. Meistens endet das Fiasko aber im Wasser, so dass man dann den Level neuladen darf. Leitern sind bei Archangel auch nur schmückendes Beiwerk. Leitern hochklettern, geschweige denn hochfliegen kann der Erzengel nicht. Dialoge werden per Multiple-Choice geführt. Dabei hat man bei Dialogen meistens nicht wirklich die Wahl zwischen mehreren Antwortmöglichkeiten. Oft gibt es nur zwei Optionen á la „Erzähl mir mehr über “ und „Machs gut!“.

 Michael Travinsky mit einer MG   Michael Travinsky mit einer MG


Die Grafik – schlimmer geht’s nimmer

Schon im ersten Akt zeigt die Grafikengine, was sie kann - oder nicht kann. Überall wird man von dichtem Nebel begleitet, der an die besten Nintendo 64-Zeiten erinnert. Dann stapft der Spieler durch ein Moor, dessen Boden nur mit einer Textur belegt wurde. Diese Eintönigkeit begleitet den Spieler durch das gesamte Spiel. Besonders in freien Gebieten machen die Texturen keinen guten Eindruck, dagegen sind sie in geschlossenen Bereichen oft gut gelungen. Oft denkt man sich: „Mensch, solche Texturen hätte sogar ich mit Paint malen können“. Bei manchen Dialogen wurde die Gesichtsanimation vergessen. Wer weiß, vielleicht sind die Gesprächspartner ja der Telepathie mächtig...
Die wenigen Pluspunkte der Engine sind die Partikeleffekte und die grafische Darbietung des Wassers. Letzteres kann man nicht mit dem Morrowind-Gegenstück vergleichen, sieht aber trotzdem schön aus. Die Hintergrundmusik ist in Archangel wirklich gut gelungen. Adam Skorupa zeichnet sich für den Sound verantwortlich.

 Im Laufe des Spiels verwandelt sich Michael in einen Erzengel   Im Laufe des Spiels verwandelt sich Michael in einen Erzengel


Die künstliche Dummheit

Auf der Rückseite der Packung verspricht der Hersteller „denkende Gegner“. Das Einzige, das sich die Gegner bei Archangel denken ist, „Greife ich nun an, oder nicht?“. So folgen z.B. Zwischengegner in den seltensten Fällen dem Helden. Ist man also geschwächt, kann man weglaufen und sich ein Versteck zwischen sich und dem Gegner suchen. Dort kann der Spieler sich seelenruhig regenerieren, denn der Gegner schießt zwar weiter auf den Erzengel, trifft aber nur das Versteck. Ist gerade kein geeignetes Versteck vorhanden, kann man auch um den Gegner herumstrafen und den Geschossen ausweichen, bis sich die Energie wieder aufgeladen hat.

Archangel kommt in der JoWood-typischen Minibox. Dementsprechend ist der Inhalt auch „Mini“. Neben der CD liegt ein 25-seitiges Handbuch bei.


Fazit von Christian Baltes:

Ich wüsste nicht, wer für solch einen Schund bewusst 45 € ausgibt. Allein für die verkorkste Steuerung und die Grafik hätten die Entwickler 100 Strafspielstunden Archangel verdient. Dann hätten sie wenigstens viele Bugs gefunden. Hätte Archangel eine Automap und ein besseres Leveldesign, könnte man eine sehr viel höhere Wertung vergeben, weil diese Schnitzer den Spieler wirklich aufregen. JoWood hat in der Vergangenheit durch Qualität auf sich aufmerksam gemacht. Hoffentlich bleibt Archangel ein Ausrutscher.
Archangel  (Review) Metropolis Software
Empfohlenes System: PIV 1,4 GHz | GeForce 2 GTS | 256 MB RAM

Wertung:
Grafik: (4 / 10)
Sound: (8 / 10)
Bedienung: (2 / 10)
Spieltiefe: (4 / 10)
Multiplayer:

(0 / 10)

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