Freitag, der 20. Juni 2003   


 

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 Das Verschwinden der Spiele-Legenden
24. April 2003 | 18:16 | Report
Westwood, Origin, Bullfrog... was sich liest wie eine Auswahl aus der Hall-Of-Fame für besonders kreative und erfolgreiche Programmierteams, gehört heutzutage leider schon in das Geschichtsbuch der Computerspielegeschichte. Die bittere Wahrheit ist, daß all diese Teams heimlich still und leise verschwunden sind, nachdem sie von Electronic Arts eingekauft wurden.

Fall Nummer 1: Origin. Tatort: Austin, Texas.

Das erste Opfer wurde die Kultschmiede Origin. Unter dem Motto: „We create Worlds“ – „Wir erschaffen Welten“ kreierten die Texaner viele Titel, bei deren purer Erwähnung heute noch viele Computerspieler in Verzückung geraten. Allen voran ist da die Ultima-Serie zu nennen, die über fast 20 Jahre hinweg den Maßstab für alle Computer-Rollenspiele setzte. Unter der Federführung von Richard „Lord British“ Garriot brachte die Rollenspiel-Saga insgesamt neun Titel hervor. Außerdem schickte Origin die Spieler mit Ultima Underworld auch zweimal in die Unterwelt des Fantasy-Kontinents Britannia. Zuletzt erschien Ultima 9: Ascension, welches die Rollenspiel-Saga abschloß.

 Ultima 9 war der letzte Einzelspielertitel von Origin, noch entstanden unter Mitarbeit von Richard Garriot   Ultima 9 war der letzte Einzelspielertitel von Origin, noch entstanden unter Mitarbeit von Richard Garriot

Einen besonderen Meilenstein der Computer-Geschichte stellt Ultima Online dar, das als erster Titel das unglaubliche Potential des Internets für Rollenspiele aufzeigte. Als erstes großes Online-Rollenspielen mit mehreren hundert Spielern pro Server gleichzeitig läutete es eine neue Multiplayer-Ära ein und wird noch heute von tausenden Spielern regelmäßig gespielt.

Aber nicht nur die Ultima-Serie war für Origin eine Goldgrube, auch die von Chris Roberts geschaffenen Wing Commander-Titel sorgten für klingelnde Kassen. Insgesamt sechs Titel und zahlreiche Add-Ons erschienen unter diesem Namen, zuletzt jedoch ohne die Hilfe Roberts.
Dazu kommt die nicht weniger bekannte Privateer-Serie, die das alte Spielkonzept des Klassikers Elite erfolgreich in eine moderne Form brachte und den Spieler im All nicht nur kämpfen, sondern auch Handeln ließ.
Mit Strike Commander setzte Chris Roberts auf rasante Luftgefechte in modernen Kampfjets. Es sollte jedoch sein bisher einziger Titel bleiben, bei dem der Spieler nicht in das Cockpit eines Weltraum-Jägers setzen durfte.
Als Überraschungserfolg galten dagegen die beiden Crusader-Titel, in denen es einen Einzelkämpfer durch isometrische Level zu steuern galt. Obwohl sie in der Produktion sehr preiswert waren, überraschte der Absatz selbst die Origin-Buchhalter.

 Ein Bild aus besseren Zeiten: Wing Commander 3 war eine Multi-Millionen-Dollar-Produktion und war zugleich Origins erster Interactive Movie   Ein Bild aus besseren Zeiten: Wing Commander 3 war eine Multi-Millionen-Dollar-Produktion und war zugleich Origins erster Interactive Movie

Doch was ist inzwischen aus Origin geworden? Nachdem schon vor einiger Zeit Chris Roberts die Spieleschmiede in Austin, Texas verließ und sein eigenes Programmierteam namens Digital Anvil gründete, wurde das Wing Commander Entwicklungsteam schließlich nach erscheinen des fünften Teils Wing Commander: Prophecy aufgelöst. Damit war jede Hoffnung auf eine Fortsetzung der Wing Commander-, Privateer- und Strike Commander-Serien schon früh dahin. Auch die schon vorhandenen Konzepte für einen dritten Crusader Titel verschwanden rasch wieder in der Schublade. Eine Zeit lang schien wenigstens das Geschäft mit der Ultima-Serie zu blühen. Doch nachdem der neunte Teil Ascension in den Händlerregalen stand, packte auch Richard Garriot seine Koffer und zog aus den Origin-Büros aus und nahm auch seine Pläne für einen Ultima-Nachfolger mit dem Arbeitstitel X mit. Danach wurde es um die Texaner ruhig.

 Ultima Online schrieb Computerspielegeschichte und ist zuletzt auch der letzte Titel, der von Origin noch fortgesetzt wird   Ultima Online schrieb Computerspielegeschichte und ist zuletzt auch der letzte Titel, der von Origin noch fortgesetzt wird

Schade, denn mit Origin verschwindet ein Programmierteam, das nicht nur ein Garant für stets hohe Qualität seiner Spiele bekannt war, sondern auch ein Lieferant stets neuer Impulse für den Computerspielemarkt. Nahezu jeder einzige der über 60 erschienenen Titel hat die Spielerschaft begeistert, und sie alle waren zu ihrer Zeit State Of The Art.
Leider ließ EA die Texaner langsam ausbluten. Erst beschränkte man sich auf die Ultima-Serie und opferte dafür alle anderen Produktreihen. Dann kam der Entschluß, sich nur noch auf Online-Spiele zu beschränken. Doch bisher umfaßt das Portfolio von Origin nur einen einzigen Online-Titel, und das ist das in Ehren ergraute Ultima Online, daß zwar immer noch beliebt ist, aber auf Dauer den Ansprüchen der Spieler nicht mehr genügen wird. Auf absehbare Zeit wird Origin also wohl ganz von der Bildfläche verschwinden. Denn nachdem auch der letzte noch in der Entwicklung befindliche Titel Ultima Online 2 von Electronic Arts gestoppt wurde, ist kein einziges neues Origin-Spiel mehr in Sicht.

Fall Nummer 2: Bullfrog. Tatort: Großbritannien.

Wechseln wir den Schauplatz. In Großbritannien erschuf ein kleines Programmierteam unter Federführung von Peter Molyneux im Jahre 1989 die erste Götter-Simulation der Spielegeschichte: Populous. Der Titel verkaufte sich famos und erschaffte ein ganz neues Genre. Zum ersten mal durften die Spieler in Echtzeit von ihrem Volk anbeten lassen und mit zahlreichen Zaubersprüchen gegen Ungläubige vorgehen. Inzwischen hat die Serie drei Titel hervorgebracht, zuletzt Populous: The Beginning, das pünktlich zum zehnjärigen Jubiläum der Serie erschien, dem aber leider nicht mehr annähernd ein so großer kommerzieller Erfolg beschieden war, wie den beiden Vorgängern. Trotzdem leben die Ideen, die in Populous stecken, auch heute noch weiter, etwa in Peter Molyneuxs Black & White.

 Mit Populous errang Peter Molyneux mit seinem Programmierteam Bullfrog unerhofften Weltruhm.   Mit Populous errang Peter Molyneux mit seinem Programmierteam Bullfrog unerhofften Weltruhm.

Aber nicht nur beim Namen Popolous sieht man ein verträumtes Glitzern in den Augen der Computerspieler. Auch die beiden Syndicate-Titel, die man wohl als indirekte Vorgänger heutiger Taktik-Spiele wie Commandos oder Desperados ansehen kann, oder die Magic Carpet Spiele, in denen der Spieler wie in den Legenden von Tausend und einer Nacht auf fliegenden Teppichen durch die Luft brausen durfte, sind Titel, die heute noch für Verzückung sorgen. Auch die Theme Park-Titel, die noch unter der Leitung von Peter Molyneux entstanden sind, sorgten für hohe Verkaufszahlen. Und schließlich erschien mit Dungeon Keeper mit gehöriger Verspätung der letzte Titel, den Molyneux für Bullfrog entwarf, bevor dieser sein eigenes Team Lionhead gründete.

Heute ist jedoch nichts mehr von Bullfrog übrig. Mit Theme Park World, Dungeon Keeper 2 und Theme Park Manager erschienen zwar noch drei Titel nach Molyneuxs Austritt, die auch allesamt von hoher Qualität waren, doch brach das Team nach und nach auseinander. Inzwischen sind viele Bullfrog-Programmierer bei verschiedenen Electronic Arts-Teams untergekommen, doch das legendäre Ochsenfrosch-Logo wird wohl nie wieder auf einem Computerspiel prangen. Es besteht aber noch Hoffnung, daß man bei Electronic Arts wenigstens noch an die Erfolge von Dungeon Keeper 2 anknüpfen möchte und einen dritten Teil programmieren läßt. Dieser war übrigens bereits in der Konzeptionsphase, als Bullfrog schließlich auseinanderbrach.

 Dungeon Keeper erschien über 2 Jahre nach dem angepeilten Veröffentlichungstermin und war trotzdem ein Riesenerfolg.   Dungeon Keeper erschien über 2 Jahre nach dem angepeilten Veröffentlichungstermin und war trotzdem ein Riesenerfolg.

Mit Bullfrog verschwindet wohl eines der innovativsten Teams der letzten Jahre. Jedes Spiel für sich war etwas besonderes. Egal ob es der erste Vergnügungspark-Simulator oder das erste Actionspiel auf einem fliegenden Teppich war, jedes Bullfrog-Spiel sorgte mit neuen, innovativen Ideen für Aufsehen. Spielerisches Mittelmaß lieferte Bullfrog nur einmal ab, nämlich mit dem futuristischen Rennspiel Hi-Octane. Doch leider hat Electronic Arts irgendwann einfach den Geldhahn zugedreht. Denn mit Theme Park World und Dungeon Keeper hatte Bullfrog durchaus signalisiert, daß man auch ohne Peter Molyneux hohe Qualität abliefern konnte, auch wenn beide Titel lediglich alte Erfolge fortsetzten.

Fall Nummer 3: Westwood Studios. Ort: Las Vegas

Zurück in die USA, genauer gesagt nach Las Vegas. Den hier wurde erst vor kurzer Zeit ein weiteres Programmierteam zu Grabe getragen, daß praktisch nur erfolgreiche Titel im Angebot hatte. Mit Dune 2 gab das Team seinen fulminaten Einstand und legte gleichzeitig den Grundstein für eine wahre Echtzeit-Strategiespiele-Flut, die bis heute nicht so wirklich verebben will. Das berühmteste Kind war das 1995 und damit zwei Jahre nach Dune 2 erschienene Command & Conquer, das in die Computerspiele-Welt einschlug wie eine Bombe. Zwar war Dune 2 das erste moderne Echtzeit-Strategiespiel der Computer-Geschichte, doch „C&C“ war ein von vorne bis hinten perfekt durchgestyltes Spiel, daß für damalige Verhältnisse exzellente Optik und perfekte Steuerung miteinander verband. Mit Tiberian Sun und den beiden Alarmstufe Rot-Teilen konnte man die Serie mehr als erfolgreich fortsetzen, und mit Command & Conquer: Renegade schaffte die Serie sogar einen Seitensprung in das Action-Genre. Zudem wurde mit Dune 2000 und Emperor auch die Dune Saga fortgesetzt. Den Online Ausflug Sole Survivor hätte man bei Westwood jedoch am liebsten ganz rasch wieder vergessen.

 Dune 2 war der erste Echzeit-Strategie-Titel der Computerespielegeschichte.   Dune 2 war der erste Echzeit-Strategie-Titel der Computerespielegeschichte.

Aber auch bei Westwood blieb es nicht nur bei dieser einen Serie. Im Gegenteil, man zeigte sich sehr vielseitig. Mit den drei Kyrandia-Titeln trug man der damaligen Adventure-Schwemme Rechnung und lieferte ganz nebenher auch noch hohe Qualität ab. Nachdem man mit der Eye of Beholder-Serie schon für SSI sehr gute Rollenspielarbeit ablieferte, wagte man mit Lands of Lore einen ebenfalls dreiteiligen Ausflug in die Rollenspielwelt, wobei aber der dritte Teil zwar qualitativ kein Fehltritt war, aber seine hohen Entwicklungskosten nicht wieder einspielen konnte. Auch Nox, ein innovativer Diablo-Klon, war für Westwood nicht rentabel. Zuletzt bliebe noch das Adventure Blade Runner zu erwähnen, das die Atmosphäre des Kultfilms gelungen einfangen konnte.

 Der erste Command & Conquer Titel gab den Anstoß für eine regelrechte Echtzeit-Strategie-Schwemme   Der erste Command & Conquer Titel gab den Anstoß für eine regelrechte Echtzeit-Strategie-Schwemme

So kam es dann dazu, daß das Kernteam der Westwood Studios heimlich still und leise verschwand und lediglich das für die Produktion von Alarmstufe Rot 2 aus der Tauf gehobene Team Westwood Pacific verblieb, daß inzwischen folgerichtig auch nicht mehr unter dem alten Namen, sondern unter EA Pacific firmiert und das mit Command & Conquer Generals kürzlich erst einen waschechten Hit auf der Basis der immer noch wertvollen C&C-Lizenz veröffenlichte. So beklagenswert das Verschwinden von Westwood jedoch ist, so bleibt wenigstens zu hoffen, daß wenigstens Command & Conquer nicht stirbt. Es geistern auch immer wieder Gerüchte um einen zweiten Teil des Action-Ablegers Renegade durch das Internet. Doch wahrscheinlich werden wir niemals einen Nachfolger der Lands of Lore- oder der Kyrandia Serie sehen, und Nox wird wohl ein Einzelkind bleiben. Auch wenn man Westwood sicher vorhalten konnte, Zeit seines Lebens ein wenig mit Innovationen gegeizt zu haben, lieferten sie jedoch praktisch ohne Ausnahme immer hochwertige Spiele ab und betrieben erstklassige Produktpflege.

 Bei Westwood ging es nicht nur strategisch zu. Lands of Lore war ein waschechtes Rollenspiel.   Bei Westwood ging es nicht nur strategisch zu. Lands of Lore war ein waschechtes Rollenspiel.



Fazit von Patrick Haas:

Mit Origin, Bullfrog und Westwood haben nicht nur drei Dinosaurier der PC-Spiele-Welt, sondern auch drei stetige Lieferanten von mit Auszeichnungen überschütteten Hit-Spielen die Bühne heimlich still und leise verlassen und nicht einmal zum Abschied leise Servus gesagt. Und bei allen Teams war es der Publisher Electronic Arts, der dafür sorgte, daß diese Teams von der Bildfläche verschwanden.
Warum auch immer man sich in Redwood dazu entschied, sich von den Traditionsteams zu trennen, den PC-Spielern werden sie sicher fehlen. Es steht nur zu hoffen, daß die kreativen Köpfe, die hinter den Hit-Spielen stecken, auch in Zukunft noch unzählige weitere Top-Titel hervorbringen. Peter Molyneux ist da mit Black & White und dem geplanten Nachfolger mit seiner Firma Lionhead schon ganz auf dem richtigen Wege, den Geist von Bullfrog ins neue Jahrtausend zu tragen. Chris Roberts hat mit Starlancer vor zwei Jahren mit Digital Anvil auch wieder alte Wing Commander-Qualitäten aufblitzen lassen, hat das Team aber inzwischen auch schon wieder verlassen. Richard Garriot arbeitet hinter verschlossenen ebenfalls an neuen, innovativen Titeln. Und schließlich ist da noch das Team von EA Pacific, das auch weiterhin neue Command & Conquer Titel produzieren und dabei beweisen will, daß man keineswegs darauf angewiesen ist, das erfolgreiche Konzept zu kopieren, sondern auch frischen Wind in das Genre bringen kann. Wir dürfen also noch hoffen, daß Origin, Bullfrog und Westwood vielleicht doch noch nicht so tot sind, wie es im Moment scheint. Denn Totgesagte leben ja bekanntermaßen länger...

Patrick Haas
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