Kein anderes Genre war in den letzten Jahren so sehr gebeutelt wie das der Adventures. Vor allem die klassischen Point-and-Click-Adventures hatten mit Monkey Island 3 ihren wohl bislang letzten hochdekorierten Vertreter. Zu viele Programmierteams verzettelten sich in den letzten Jahren damit, mit 3D-Grafik oder Action-Einlagen zu experimentieren. Das traurige Ergebnis: Selbst Hersteller, die durch ihre hervorragenden Adventures bekannt wurden, wie etwa Sierra oder Lucas Arts, wandten dem Genre den Rücken zu und strukturierten ihre Produktpalette um.
| | Hauptdarsteller Brian Rasco erzählt die Geschichte des Spieles im Rückblick. |
Daher sind klassische Adventures in den letzten Jahren fast so selten geworden, wie der Anblick eines Eisbärs in der Wüste. Altgediente Abenteurer bewiesen jedoch immer wieder, daß das Interesse an diesem Genre noch nicht gestorben ist, auch wenn Markt-Experten Adventures eher für ein Nieschenprodukt zu halten scheinen. So gibt es im Internet zahlreiche Fan-Projekte, die bekannte, aber eingestellte Adventure-Serien fortsetzen, wie etwa Zak McKracken 2 oder Baphomet´s Fluch 2 ½. Und die Fans sind es schließlich auch gewesen, die die Veröffentlichung von Runaway: A Road Adventure in Deutschland überhaupt erst ermöglichten. Dieses Spiel entstand bereits 2001 unter der Federführung eines kleinen, spanischen Programmier-Teams namens Pendulo Studios. Eine Veröffentlichung in Deutschland durch den Publisher Dinamic war auch bereits geplant, doch bevor es dazu kommen sollte, meldete Dinamic Insolvenz an, und die Zukunft des in Spanien von der Presse hochgelobten Spieles war erst einmal ungewiß. Hartnäckige Fans besorgten sich zum Teil auch ohne Sprachkenntnise per Direktimport die spanische Version und in den Internet-Foren wurde der Ruf nach einer deutschen Fassung des Titels immer lauter. Im Internet gab es auch zahlreiche Internet-Petitionen, und schließlich erhörte der deutsche Publisher digital tainment pool, kurz dtp, die Adventure-Anhänger, und nun steht nach über einem Jahr endlich die komplett eingedeutschte Fassung von Runaway: A Road Adventure in den Händerregalen. Die Entscheidung von dtp war goldrichtig: Denn Runaway verkauft sich wie warme Semmeln und fand sich bereits nach kurzer Zeit in den Top Ten der Verkaufs-Charts wieder.
Aber auch wenn unter Blinden selbst ein Einäugiger König ist, beweist Runaway, daß dieses Genre zu unrecht totgesagt wurde.
| | Brian muß sich mir verschrobenen Charakteren wie Dr. Susan Oliwah... |
Eine verhängnisvolle Affäre
Ihr schlüpft in Runaway in die Rolle des Brian Rasco. Bisher verlief dessen Leben auf idealen Bahnen: Er steht kurz davor, sein Studium zu beenden und die passende Promotionsstelle hat Brian auch bereits in der Tasche. Also macht er sich auf den Weg, um seine Doktorarbeit zu schreiben, will jedoch vorher noch bei einer New Yorker Bibliothek ein vorbestelltes Buch abholen, anstatt es sich nachschicken zu lassen. Was Brian in diesem Moment jedoch nicht ahnt, ist, daß diese Entscheidung sein ganzes Leben verändert. Denn auf dem Weg dorthin springt die attraktive Nachtclubtänzerin Gina Timmins ausgerechnet direkt vor seinem Wagen auf die Straße. Brian kann nicht mehr reagieren und fährt sie an. Im Krankenhaus erfährt er dann, daß dieser Zusammenstoß kein Zufall war, denn Gina war in diesem Moment nicht etwa unaufmerksam, sondern wurde von niemand Geringerem als der Mafia gejagt. Und genau diese Mafiosi haben kurz zuvor ihren Vater getötet und sind nun hinter ihr her. Noch ehe sich Brian versieht, stehen die Mafia-Killer auch schon vor Ginas Krankenbett, und versuchen, die junge Frau mit einigen Kugeln zum Schweigen zu bringen. Unversehens steckt Brian selber kopfüber in Verwicklungen, die er am Morgen noch nicht einmal hätte erahnen können.
Road Trip
Das Abenteuer führt Brian und Gina quer durch die Vereinigten Staaten, von New York über ein Naturkundemusem bis hin nach Arizona und zu einem alten Heiligtum. Dabei jagt Ihr dem Geheimnis eines bemerkenswerten, alten Kruzifixes hinterher, welches Gina von ihrem Vater kurz vor dessen Hinrichtung durch die Mafia überreicht bekam, ohne jedoch zu erfahren, was es damit auf sich hat. Natürlich bleibt Euch die „Familia“ auch während des gesamten Abenteuers stets auf den Fersen, denn aus irgendeinem unerfindlichen Grunde heraus ist auch das organisierte Verbrechen an diesem Artefakt interessiert. Nur habt Ihr gerade am Anfang des Adventures leider noch keine Idee wieso.
| | ...und dem abgedrehten Hausmeister Willy herumschlagen. |
Die Story ist für ein Adventure relativ unkonventionell und originell. Darüber hinaus wartet sie mit zahlreichen überraschenden Wendungen auf. Sie wird von Brian dabei quasi aus der Retrospektive heraus erzählt und Ihr dürft die Hauptrolle in seiner Erzählung spielen.
Die zahlreichen verschiedenen Lokalitäten sorgen dabei stets für die nötige Abwechslung. Wie in Point-and-Click-Adventures üblich müßt Ihr natürlich, um die Geschichte voran zu treiben, diverse Denkaufgaben lösen, die Euch die Programmierer in den Weg gestellt haben. Die Rätsel sind dabei aber zumeist logisch und der Schwierigkeitsgrad angenehm, so daß Adventure-Einsteiger nicht verzweifeln müssen, Experten aber nicht vor lauter Langeweile in einen ungewollten Dauerschlaf verfallen.
Leider sorgen einige ärgerliche Kleinigkeiten trotzdem für gelegentlichen Frust. Das erste Ärgernis ist, daß viele wichtige Gegenstände von den Programmierern deutlich zu gut versteckt wurden. Hier haben die Pendulo Studios den schmalen Grat verpaßt, der bei Adventures leider unbedingt getroffen werden muß; ein Gegenstand sollte schließlich weder zu gut versteckt, noch zu offensichtlich zu finden sein. Einige der Objekte sind jedoch nur wenige Pixel groß und verschmelzen zudem noch farblich mit der Hintergrundgrafik. Daher ist es leider unabdingbar, jeden Bildschirm mit der Maus fast pixelgenau zu untersuchen, um keines der wichtigen Items zu übersehen.
Logisch, aber zugleich auch problematisch, ist die Tatsache, daß Brian Rasco sich weigert, eine Aktion durchzuführen, so lange sie ihm nicht sinnvoll erscheint. Aber so weigert sich Brian etwa, ein Buch zu lesen, während er untätig neben Ginas Krankenhausbett darauf wartet, daß sie aufwacht, mit der Begründung, er habe jetzt keine Zeit zu lesen. Minuten später jedoch, nachdem die Mafia-Killer im Krankenhauszimmer waren um Gina zu töten, liefert es eine wichtige Information – und erst dann läßt sich Brian zum schmökern überreden. Leider quittiert Brian Aktionen, die zwar richtig, aber zu früh sind, zu oft mit Standard-Ablehnungssätzen, anstatt dem Spieler zu signalisieren, daß es zwar Sinn macht, aber zur falschen Zeit geschieht.
Obwohl man merkt, daß die Entwickler damit das Handeln von Brian stets nachvollziehbar zu gestalten versucht haben, ist dieser Umstand dennoch sehr ärgerlich, denn man läuft so unter Umständen ein Dutzend mal an einem Gegenstand vorbei, den man gerne mitnehmen würde, doch Brian weigert sich, auch wenn er später unbedingt gebraucht wird, um vorwärts zu kommen. Bis dahin hat man den Gegenstand aber unter Umständen schon längst vergessen, oder man ärgert sich darüber, daß Brian ihn nicht schon längst mitgenommen hat, denn so darf man noch einmal die Reise an den Ort dieses Gegenstandes antreten.
| | Das Inventar ist übersichtlich gegliedert und bietet Platz für viele Gegenstände. |
| Erfreulich ist jedoch, daß Brian sehr an seinem Leben hängt, und es daher unmöglich ist, in Runaway frühzeitig die Entscheidung treffen zu müssen, was man auf seinen eigenen Grabstein meißeln läßt. Ihr dürft ungeniert alles ausprobieren, was Euch in den Sinn kommt, denn sollte es allzu sehr nach Suizid klingen, verweigert Brian einfach die Kooperation.
Und sie ist doch eine Scheibe!
Bei der Präsentation von Runaway haben die Pendulo Studios auf jegliche 3D-Spielereien oder Film-Experimente verzichtet und sich statt dessen lieber auf die traditionellen Werte des Adventure-Genres besonnen. So sind alle Personen und Örtlichkeiten grundsätzlich handgemalt. Das ist vor allem für die Besitzer schwächerer Rechner und betagter Grafikkarten erfreulich, denn die 3D-Einheiten heutiger Grafikkarten oder aktuelle Hochleistungsprozessoren meistern Runaway auch noch im Dämmerschlaf.
Doch die Pendulo Studios beweisen in einem Atemzug, daß die Rückkehr zur Zweidimensionalität nicht unbedingt ein Abstrich sein muß, denn die Grafik ist wirklich sehr gelungen und schöpft alle Möglichkeiten aus. So glänzen die Charaktere in diesem Adventure etwa mit realistischem Schattenwurf und Kantenglättung. Für diese Aufgabe wird aber High-End Grafik-Hardware verschmäht, denn sie wird ausschließlich vom Hauptprozessor bewältigt. Natürlich wären 3D-Beschleuniger in der Lage, deutlich mehr zu leisten, aber Runaway nutzt die Möglichkeiten von herkömmlicher 2D-Grafik sehr gut aus und sieht dabei auch noch hübsch aus.
An wichtigen Stellen der Story wird die Hauptgeschichte durch Rendersequenzen weitergeführt, die jedoch leider allzu grobpixelig geraten sind, und zudem auf vielen Rechnern dank eines exotischen Plug-Ins Probleme bereiten. So kann es zum Beispiel vorkommen, daß die Cutscenes nur in schwarz-weiß oder mit Grafik-Fehlern zu sehen sind. Diese Probleme sind jedoch durch eine manuelle Neuinstallation des Plug-Ins zu lösen.
Bei der Frage nach dem Klang weiß Runaway absolut zu überzeugen. Das Spiel wird mit 24 eigens komponierten Musikstücken der spanischen Band Liquor unterlegt. Die Tracks passen dabei hervorragend zu den zahlreichen Locations, die Ihr im Laufe des Spieles bei Eurer Flucht quer durch die USA bereisen dürft. Besonders gut gelungen ist auch die deutsche Sprachausgabe. Bei der Lokalisierung von Runaway hat der deutsche Publisher dtp wirklich nicht gekleckert und statt dessen wirklich ganze Arbeit abgeliefert. Die Stimmen passen hervorragend zu den zahlreichen Akteuren und die Sprecher sind wirklich jederzeit mit Haut und Haar bei der Sache und liefern ein überzeugendes Ergebnis ab. Auch bei der Übersetzung gibt es nichts zu kritisieren, und selbst einige Rästel wurden angepaßt. Insgesamt gehört Runaway mit Sicherheit zu den besten Lokalisierungen überhaupt.
| | Um das mysteriöse Kruzifix dreht sich die gesamte Geschichte von Runaway |
Alles im Griff
Auch die Steuerung von Runaway wurde manierlich gelöst. Mit einem Linksklick dirigiert Ihr Brian an jeden beliebigen Punkt auf dem Monitor, oder schickt ihn von einem Ort zum nächsten. Das linke Ohr des elektronischen Nagers dient auch dazu, jede weitere Aktion auszulösen. Je nachdem mit welchem Gegenstand Ihr Brian interagieren lassen möchtet, habt Ihr die Auswahl zwischen verschiedenen Möglichkeiten, die Ihr mit der rechten Maustaste aussuchen dürft. Die Standardaktion bei jedem Gegenstand ist das Untersuchen, zeigt Ihr mit dem Cursor dabei auf eine andere Person kommt etwa noch das Einleiten eines Gespräches hinzu. Ansonsten gibt es aber nur noch die Möglichkeit, einen Gegenstand zu benutzen oder mitzunehmen. Doch diese vier Optionen – untersuchen, sprechen, benutzen und einsammeln – genügen schon völlig, um die vielfältigen Rätsel zu ermöglichen.
Eingesammelte Gegenstände verstaut Brian in seinem Inventar, daß jedoch relativ umständlich erst über ein Icon am oberen Bildschirmrand aufrufen muß. Dafür habt Ihr auf dem separaten Inventar-Bildschirm stets alle eingesammelten Gegenstände im Blick und könnt sie genauer untersuchen oder miteinander benutzen. Auf der rechten Seite ist in einer Art Portrait-Ansicht Brians zu sehen, der einige Aktionen durch Animationen unterlegt.
Natürlich dürft Ihr im Laufe des Abenteuers nicht nur mit Gegenständen hantieren, sondern Euch auch mit vielen verschiedenen, zum Teil sogar skurrilen Personen unterhalten. Die Gespräche laufen dann im Multiple-Choice-Verfahren ab, das bedeutet, Ihr habt meistens die Möglichkeit, das Gespräch durch eine Auswahl verschiedener Fragen oder Antworten in eine ganz bestimmte Richtung zu lenken. Gerade dies ist heutzutage leider längst nicht mehr selbstverständlich, aber Runaway zeigt auf, wie wichtig es sein kann, daß der Spieler diese Möglichkeit noch hat, denn so seid Ihr nicht nur Zuschauer, sondern auch mittendrin im Geschehen.
| | Die Mafia läßt sich mit sich spaßen - vor allem nicht in den etwas grobpixeligen Zwischensequenzen |
Erfreulich: Um Runaway zu bedienen, reicht die Maus völlig aus. Auf Wunsch kann der Spieler noch auf Hotkeys zurückgreifen, um etwas Zeit zu sparen.
Die Box in der Box
Bei der Ausstattung versucht dtp, sowohl Anhängern von großen Pappschachteln, als auch den Liebhabern von DVD-Boxen entgegenzukommen. So wird Runaway in einer großen Eurobox ausgeliefert, in der sich wiederum eine DVD-Box mit den 3 Spiel-CDs und einem kurzen Handbuch befindet. So kann der Spieler selber entscheiden, was er sich lieber in das eigene Regal stellen möchte. Insgesamt hat man zwar mit der Ausstattung nicht aus dem vollen geschöpft, aber dafür ist das Spiel mit einem Verkaufspreis von nur 35 Euro geradezu ein Schnäppchen, wenn man bedenkt, daß aktuelle Titel in der Regel 10-15 Euro mehr kosten.
Auch bei den Systemanforderungen ist Runaway äußerst genügsam. Schon auf einem Rechner mit 333 MHz, 32 MB RAM und DirectX-kompatiblen Sound- und Grafikkarten, sowie 400 MB freiem Festplattenplatz steht dem Abenteuer nichts im Wege.
| | Carla, Mariola und Lula definieren den Begriff |
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